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Day of Prayer in Düsseldorf, May 30, 2015
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Auszüge aus der Predigt
von S. E. Joachim Kardinal Meisner,
Emeritierter Erzbischof von Köln,
beim Gottesdienst in der Mitsubishi Electric Halle in Düsseldorf

Liebe Schwestern, liebe Brüder! 

Interesse ist nur ein anderer Name für Liebe. Denn Interesse heißt: „dazwischen sein“: Das Wort ist Fleisch geworden und hat mitten unter uns gewohnt (vgl. Joh 1,14), sodass nicht Distanz der Lebensstil Gottes mit uns Menschen ist, sondern Nähe. Gott ist interessiert an uns, und darum sucht er Berührung mit uns Menschen und bewegt uns, mit ihm, dem lebendigen Gott in Berührung zu kommen. Unser Gott hat ein leidenschaftliches Interesse an uns Menschen. Maria ist bei diesem für ihn wichtigen Vorgang von Gott selbst buchstäblich „dazwischen genommen“ worden. „Das Wort ist Fleisch geworden durch den Heiligen Geist aus Maria, der Jungfrau“, so beten wir im Glaubensbekenntnis. Maria ist der Weg Gottes in die Nähe des Menschen. Darum gibt es auch für den Menschen keinen anderen und sicheren Weg zu Gott als diesen Weg Gottes zum Menschen. Und das ist – es sei nochmals gesagt – Maria. Darum singen wir aus ganzem Herzen: „Maria, dich lieben, ist allzeit mein Sinn“. Und deshalb sind wir heute zu diesem Gebetstag der Frau aller Völker hier in Düsseldorf vom Heiligen Geist dazwischen genommen worden. Wir sind also gemeinsam dabei, den Weg des Menschen zu Gott zu betreten. Und das ist Maria. Hier, bei ihr, sind wir aber auch auf dem Weg Gottes zum Menschen. Maria ist wirklich der Weg, auf dem wir zu Gott gelangen und der Weg, auf dem Gott zu uns Menschen gelangt. Und weil Gott uns in seiner Liebe zu den Menschen verwendet, ruft er uns zu Maria.

1. Maria ist von Gott für seinen Weg zu den Menschen dazwischen genommen worden: von der Krippe bis zum Kreuz. Darum lebt Maria verbunden mit Gott überall auf der weiten Erde unter den Menschen und ist mit ihnen unterwegs auf ihren Wegen zu Gott hin. Maria ist gleichsam die Mitpilgerin auf den Straßen der Welt und die Mitgenossin und Mitbewohnerin der Menschen aller Regionen der Welt geworden. Damals war sie in Nazareth eine Nazarenerin, in Bethlehem eine Bethlehemitin, in Ägypten eine Ägypterin, in Jerusalem eine Jerusalemerin. Sie ist heute, in Düsseldorf, eine Rheinländerin. Sie ist in Altötting eine Bayerin, in Mariazell eine Österreicherin, in Pribram eine Tschechin, in Levoca eine Slowakin, in Maria Pötsch eine Ungarin, in Vilnius eine Litauerin, in Guadalupe eine Mexikanerin, in Aparecida eine Brasilianerin und in Rom eine Römerin. So könnten wir alle Länder der Erde gleichsam marianisch bestimmen und durchdeklinieren. Maria ist ausdrücklich vom Herrn bei den Menschen angesiedelt, indem er den Menschen vom Kreuz herab im Hinblick auf Maria dem Apostel Johannes sagte: „Siehe deine Mutter!“ (Joh 9,27).

Ich erinnere mich noch sehr gut an meine eigene Kindheit: der Vater war im Krieg gefallen, die Mutter musste für uns vier Kinder täglich zur Arbeit gehen. Wenn der älteste Bruder von seiner Lehrlingstätigkeit nach Hause kam und wir drei jüngeren Brüder ohne Mutter in der Wohnung saßen, fragte er immer: „Ist denn noch niemand da?“. Wir drei waren doch da als seine Brüder. Aber das zählte offenbar nicht. Es fehlte die Mutter. Sie war der gute Geist in unserer Familie. Sie schenkte uns – trotz aller äußerer Armut – Geborgenheit, Sicherheit und Heimat. „Ist denn noch niemand da?“ wird oft in unseren europäischen Völkern und Familien gefragt. Doch, es ist jemand da. Der gute Geist unserer Familien, unserer Länder und Völker, der gute Geist der Welt ist Maria. Sie ist da. Sie ist ja die Frau aller Völker. Sie ist besonders sichtbar und greifbar in unseren Wallfahrtsorten und in unserem marianischen Beten und Singen. Gott hat Interesse an den Menschen. Darum ist er ja selbst Mensch geworden. Und für diesen Vorgang hat er Maria dazwischen genommen. Sie ist das Person-gewordene Interesse Gottes an den Menschen.

Um im Laufe der Kirchengeschichte diesen marianischen Dienst zu verstärken ruft Gott große Menschen, die Heiligen, an ihre Seite. Der große heilige Papst Johannes Paul II. ist ohne Maria überhaupt nicht verstehbar. „Totus tuus“ – „Ganz dein“ Maria, steht in seinem Bischofswappen. Und er hat – wie kaum ein anderer moderner Heiliger – die Welt Maria nahegebracht, um damit das brennende Interesse Gottes an den Menschen und an der Welt zu bezeugen. Sie ist ja die von Gott Dazwischen- Genommene im oft dramatischen Ringen Gottes um die Menschen. Denken wir nur an das Attentat am 13. Mai 1981 auf dem Petersplatz in Rom. Und der heilige Papst Johannes Paul II. war und ist der von Gott mit Maria Dazwischen-Genommene. Und hier gehört auch Mutter Teresa von Kalkutta und die heilige Edith Stein und alle großen Heiligengestalten der Moderne dazu. Sie schonten sich nicht und ließen sich großzügig von Gott dazwischen nehmen in seinem Ringen um die Welt.

2. Maria ist weiterhin auch die Leiter zwischen Himmel und Erde, zwischen Gott und den Menschen, zwischen der Gnade und der Natur. Sie gibt dem Worte Gottes ihr Fleisch und Blut, auf dass sein Wort ein menschliches Gesicht annehme. Es ist das Antlitz Jesu, das seiner Mutter Maria wie aus dem Gesicht geschnitten ist. Jesus hat ja keinen irdischen, biologischen Vater. Er hat nur eine irdische, biologische Mutter, das ist Maria. Sein Vater ist der Ewige Gott im Himmel. Darum schaut uns das Wort Gottes, Christus, mit den Gesichtszügen Mariens an. Er sieht seiner Mutter ganz ähnlich. Wer ihm in die Augen schaut, der kann darin auch Maria erkennen. Und wer Maria anblickt, der wird das Gesicht Jesu erblicken. Und wenn schon der gute Blick der kürzeste Weg zwischen zwei Menschen ist, dann ist erst recht der gute Blick Christi, geboren von der Jungfrau Maria, der kürzeste Weg zwischen ihm und Maria und zwischen Gott und Mensch. Aber auch der gute Blick Marias lässt uns darin das heilige Antlitz Christi sehen. Maria gilt im Hinblick auf Christus das Wort: „Mitgegangen, Mitgehangen“.

Im Markusevangelium lesen wir: „Jesus ging in ein Haus, und wieder kamen so viele Menschen zusammen, dass er und die Jünger nicht einmal mehr essen konnten. Als seine Angehörigen davon hörten, machten sie sich auf den Weg, um ihn mit Gewalt zurückzuholen; denn sie sagten: Er ist von Sinnen“ (Mk 3,20-21). Maria ist und bleibt unter ihrer törichten Verwandtschaft, die Jesus für verrückt geworden hielten. Vielleicht war ihr dieser Weg mit der Verwandtschaft bitterer als später der Kreuzweg mit den Feinden Jesu. Das gibt es, dass Menschen an Jesus irre werden. Selbst seine Verwandten und manche seiner Jünger wurden es. Maria aber blieb unbeirrbar zwischen ihnen. Sie ertrug geduldig die lästige Verwandtschaft und distanzierte sich nicht von ihr. Aber sie hielt trotzdem unbeirrbar zu ihrem Sohn. Sie ist ja der Weg Gottes zum Menschen und darum auch der Weg des Menschen zu Gott. Um der Verwandten willen geht Maria mit, damit auch sie zum Ziele kommen, nämlich zu Jesus, und zwar nicht als einem Verrückten, für den sie ihn halten, sondern als den Erlöser der Welt, der er wirklich ist und der darum die Menschen in Erstaunen setzt und ihre Herzen bekehrt. Bei Verwandten scheint das manchmal schwieriger zu sein. Ihr „Fiat mihi secundum verbum tuum“ ist gleichsam der Vorläufer des „Fiat voluntas tuas“ Jesu.

Die Kirche hat ihr Urbild in Maria. Sie ist der Weg der Menschen zu Gott. Deshalb bleibt sie dazwischen. Das heißt, sie bleibt auch zwischen den Menschen, die Jesus ablehnen und die ihn für verrückt halten. Es gibt keine Alternative zu ihm, denn er ist der Einzige, der vom Himmel herabgestiegen ist und uns dabei zu beten gelehrt hat: „Dein Wille geschehe wie im Himmel, so auf der Erde“ (Mt 6,10). Maria ist der erste Mensch, der das ganz verstanden hat. Indem sie bei der Verkündigung des Engels sagte: „Mir geschehe, wie du es gesagt hast“ (Lk 1,38).

3. Nirgends hat sich auf Erden der Himmel so greifbar verwirklicht wie in Maria. „Wie im Himmel, so auf Erden“, ist in ihr deckungsgleich geworden. Das Ewige Wort des Vaters ist Mensch geworden aus Maria, ohne den irdischen Vater. Natur und Gnade sind in Maria zu einer Einheit zusammen gewachsen: der göttliche Vater und die menschliche Mutter. In Maria ist Gott und Mensch auf immer verbunden worden. Sie ist die Tochter des himmlischen Vaters und die Mutter des göttlichen Sohnes. Sie macht aus Sündern Töchter und Söhne Gottes. Und dadurch werden sie zu Schwestern und Brüdern Jesu und aber auch untereinander. Damit wachsen wir zur Familie Gottes, zur Kirche zusammen. Die meisten Heiligen sind das, was sie sind, mit Maria geworden. Denn wer Maria sagt, denkt Jesus Christus mit. Wer Maria sieht, schaut auch die Kirche an. Denn ihr wurde ausdrücklich vom Engel gesagt: „Der Herr ist mit dir“ (Lk 1,28). Maria heilt uns von aller Schizophrenie und von aller Zweigleisigkeit: sonntags zum Beispiel Christ und werktags nur normaler Bürger. Sonntags gehen wir mit Gott in die Kirche, wochentags ohne Gott ins Büro oder in die Fabrik. Im Gotteshaus rechnen wir mit Gott, wochentags, im Forschungslabor, gehen wir davon aus, dass es Gott gar nicht gibt. Diese Schizophrenie, also diese Bewusstseinsspaltung macht uns als Christen und auch als Menschen kaputt und lächerlich. Die Schizophrenie spaltet unser Bewusstsein und halbiert das menschliche Herz.

Christus ist Gott und Mensch zugleich. Maria ist deshalb auch die Gottesmutter. Sie zeigt uns, dass unser Gottesglaube ganz vom Werktagsleben umfangen sein muss und dass das Werktagsleben ganz vom Gottesglauben getragen werden soll. Es darf kein Rest zurückbleiben, der nur Glaube wäre, ohne auch zugleich Leben zu sein. Dann verdient er nicht die Bezeichnung Glauben. Und es darf auch kein Rest von Leben zurückbleiben, der nur Leben wäre, dann verdient er nicht das Wort Leben. Glauben und Leben sind eine Einheit, die in Maria sichtbar geworden ist.

Maria ist das personifizierte Interesse Gottes am Menschen und seiner Welt. Interesse ist nur ein anderer Name für Liebe. Und Liebe heißt: Dazwischen sein, deine Sorgen zu meinen Sorgen zu machen, meine Freunde zu deinen Freunden werden zu lassen. In Maria ist Gott mitten unter uns, damals, heute und in Ewigkeit. In Maria teilt Gott unsere Sorgen und Anliegen, unsere Freuden und Hoffnungen, und wir dürfen mit Maria teilhaben an Gottes Seligkeit und Liebe. Mehr kann uns nicht gegeben werden! Amen.

+ Joachim Kardinal Meisner
Erzbischof em. von Köln