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Day of Prayer in Düsseldorf, October 4, 2014
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Auszüge aus der Predigt
von S. E. Joachim Kardinal Meisner,
Emeritierter Erzbischof von Köln,
beim Gottesdienst in der Mitsubishi Electric Halle in Düsseldorf

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Liebe Schwestern, liebe Brüder!

Ein junger Künstlermönch schnitzte wochenlang an einem Christusantlitz. Nachdem es fertiggestellt war, begann er, es von hinten her auszuhöhlen, damit er mit seinem Gesicht hineinkomme, um das Antlitz Christi sich seinem eigenen Gesicht anpassen zu können. Er wollte Christi Antlitz gleichsam wie eine Maske tragen. Lassen wir uns erinnern, dass unser bekanntes Wort „Person“ in seiner Grundbedeutung „Schauspielermaske“ oder „Träger einer Rolle“ heißt. Der junge Mönch wollte Träger der weltweiten Sendung Christi sein. Und darum versucht er, in das Antlitz Christi hineinzukommen. Das ist auch unsere unwahrscheinliche Berufung, unser Gesicht dem Antlitz Christi anzupassen. Niemand konnte die eigenen Gesichtszüge im Antlitz Christi so deutlich wiederfinden wie seine Mutter Maria. Sie zeigt uns die Möglichkeit auf, in das Gesicht Christi wirklich von innen her hineinzukommen, um Träger seiner frohmachenden Sendung werden zu dürfen.

1. Maria ist empfänglich für die Einsprechungen Gottes

Sie ist zutiefst überzeugt, dass Gott kein stummer Götze, sondern ein lebendiger, persönlicher und sprechender Partner ist. Darum ist Maria Gott gegenüber ganz Ohr. Sie ist nicht über den Verkündigungsengel überrascht, wohl aber über den Inhalt seiner Botschaft. Und darum bezeugt sie im Magnifikat: „Wie er zu unseren Vätern gesprochen hat, zu Abraham und seinen Nachkommen auf ewig“ (Lk 1,55). Von einer Kirche, die nur starre Glaubensformeln weiterzugeben hätte, brauchte die Welt nichts zu befürchten und könnte sie auch nichts erhoffen. Eine Kirche, in der es aber Frauen und Männer gibt, die wie Maria bezeugen können: „Wie er zu unseren Vätern gesprochen hat …“, diese wird heilsbedeutend und heilserheblich für die Welt und für die Menschen.

In der Familie Mariens hat sich Maria als die „Frau aller Völker“ gezeigt, die allen Menschen authentisch das Wort Christi für uns und unsere Probleme heute weiterzusagen hat. Bei Maria das Gesicht Christi suchen, heißt, sich nicht in erster Linie von den Medien beeindrucken zu lassen, sondern zuerst von den Einsprechungen Gottes, nicht pressefürchtig, sondern gottesfürchtig zu sein, nicht den Menschen nach dem Mund zu reden, sondern Gott nach dem Herzen zu reden. Solche Menschen sind fähig, der Bitte des Volkes Gottes zu entsprechen: „Und sprich nur ein Wort, so wird meine Seele gesund“. Darum kommen so viele Menschen an so vielen Orten der Welt zum Hören auf das Wort Gottes und zum Lobpreis Mariens zusammen, wo wie hier die Familie Mariens zu Gebet und Lobpreis einlädt. Maria ist der Höhepunkt alttestamentlicher Prophetie, denn in ihrem Wort wird Gottes Wort hörbar, ja in ihr ist das Wort Gottes selbst Mensch geworden.

2. Maria ist gehorsam

Nur wer horcht, der hört Gottes Wort, und wer dann dem gehörten Gotteswort gehorcht, der gehört dem Herrn. Darum ist Maria so still, damit durch sie sich das Wort Gottes hörbar verlauten kann. Darum ist Maria so klein, damit Gott in ihrem Leben so groß sein kann. Maria empfängt den Herrn, der von sich sagen wird: „Meine Speise ist es, den Willen dessen zu tun, der mich gesandt hat“ (Joh 4,34). Darum machte sie aus seinem „Voluntas tuas“ ihr eigenes „Fiat mihi secundum verbum tuum“ – aus seinem „Dein Wille geschehe“ (Mt 6,10) wird ihr „Mir geschehe, wie du es gesagt hast“ (Lk 1,38). Es gibt für einen Jünger Jesu neben Maria keine wichtigere geistliche Übung, als für das eigene Leben nach dem Willen Gottes zu fragen.

Weil heute zu viel menschliches Wollen in der Kirche spürbar ist, verliert sie an Überzeugungskraft und an Faszination. Es geht zum Beispiel nicht darum, wie wir uns in der heiligen Liturgie wiederfinden können, sondern in der Liturgie geht es allein darum, wie wir in ihr Gott finden dürfen. Es ist nicht in erster Linie zu fragen, wie die christliche Botschaft heute noch ankommt, sondern wir haben uns zu fragen: „Wie kommen wir heute und in der Stunde unseres Todes einmal bei Gott an?“. Es widerspricht dem Evangelium, für sich selbst und für die eigene Gruppe Positionen in der Kirche zu erobern, sondern in ihr Christus Raum zu geben, wie bei Maria. Der Mensch findet im Willen Gottes zu sich selbst und damit zu seiner eigenen Lebenserfüllung. Maria sagte damals als Einzige „Ja“ zum Messias gegen die überwältigende Mehrheit ihres Volkes, das einen ganz anderen Messias erwartet hat. Maria schneidert die Verheißungen Gottes nicht auf ihre Größe zurecht. Sie erträgt es, dass Gott größer ist als ihr Herz. Maria lässt Gott in ihrem Leben Gott sein und schreibt ihm nicht vor, was für ihn schicklich ist oder nicht. Darum steht sie auch unter dem Kreuz. Die Botschaft Christi steht von Anfang an quer zu den menschlichen Erwartungen, und zwar um des Menschen willen.

Maria sagte dem Engel: „Wie soll das (Quere) geschehen, da ich keinen Mann erkenne?“ (Lk 1,34). Die Botschaft Christi steht immer quer zu menschlichen Berechnungen. Wehe, wer sie verbiegt und passend macht für unsere kleinkarrierten Pläne! Der Herr sagt: „Ich bin nicht gekommen, den Frieden zu bringen, sondern das Schwert“ (Mt 10,34). Dieses Wort Christi ist im Friedensgerede unserer Zeit ganz untergegangen. Christus brachte Maria das Schwert: „Dadurch sollen die Gedanken vieler Menschen offenbar werden. Dir selbst aber wird ein Schwert durch die Seele dringen“ (Lk 2,35), so prophezeit der greise Simeon bei der Darstellung Jesu im Tempel. Die Botschaft Christi will den Menschen nicht bestätigen, sondern ihn bekehren. Und das, liebe Freunde, tut oft weh. Aber dieses Weh verwandelt das Wehe des Menschen in der Bergpredigt zum „Selig seid ihr“ (Mt 5,3-11). Darum wird auch die schmerzensreiche Mutter zur allerseligsten Jungfrau.

Mit Maria zu leben vor dem Angesichte Christi entkrampft das Herz und beseligt das Gesicht. Die Heiligen Gottes erkennt man an ihren gelösten und erlösten Gesichtern. Darum sagt die Kirche in ihrer Liturgie: „Ganz schön bist du, Maria“. Vor lauter Begriffen, Theorien, Wortgeklapper, Berechnungen und Analysen geht die Schönheit menschlichen Zusammenlebens und damit die Freude am Leben verloren. Hier brauchen wir Maria nötiger denn je.

3. Maria führt zur Quelle

Bei der Hochzeit zu Kana wusste sie, die Dürstenden zur Quelle zu führen, indem sie zunächst zum Herrn sagt: „Sie haben keinen Wein mehr“ (Joh 2,3). Aber dann auch den Tischdienern das unvergessliche Wort sagt: „Was er euch sagt, das tut!“ (Joh 2,5). Maria begnügte sich nicht mit Ersatzgetränken, die doch wieder den Durst wecken. Es musste guter Wein sein. Der Speisemeister sagt ausdrücklich: „Jeder setzt zuerst den guten Wein vor und erst, wenn die Gäste zuviel getrunken haben, den weniger guten“ (Joh 2,10). Hier aber wird der qualitätsvolle Wein aus den Krügen Jesu am Schluss ausgeschenkt. Die Dürstenden werden zu Trunkenden.

Am Karfreitag steht Maria wieder an dieser Quelle, nämlich unter dem Kreuz als Blut und Wasser aus der Seite Christi hervorquollen. Maria war in Kana dabei, als Wasser zu Wein verwandelt wurde. Sie ist nun auf Golgotha anwesend, wo der Wein in Christi Blut hochgewandelt wurde. Was Moses in der Wüste tat, indem er an den Felsen schlug, um Wasser für das durstende Volk zu erbitten, das tut Maria in ihrer heilsgeschichtlichen Sendung mitten in der Welt. Sie steht unter dem Kreuz mit dem Schwert im Herzen, wie Simeon sagte, und sieht wie Blut und Wasser aus dem durchbohrten Herzen Jesu fließen. Wir Menschen – heute wie damals – brauchen nicht den vom Menschen selbst fabrizierten Saft, sondern die klaren Wasser Gottes, um unseren brennenden Durst zu stillen. Maria führt uns heute wie damals zur Quelle, wo die Wasser Gottes fließen, die den unersättlichen Durst des Menschen den wirklichen Durst nach Gott löschen. Billiger dürfen wir es uns und den Menschen nicht machen und keine Mixgetränke herrichten, die dem Zeitgeschmack entsprechen, sondern die klare Lehre Christi verkünden. Nicht neue religiöse Methoden brauchen wir, sondern wir brauchen Jesus Christus selbst, der derselbe gestern, heute und in Ewigkeit ist. Nicht pastorale Tricks retten die Welt, sondern Christus. Er ist der Retter der Welt. Es geht nicht darum, uns selbst darzustellen, sondern Christus zur Darstellung zu bringen, denn er ist die Lösung aller Probleme, er ist die Antwort aller unserer Fragen.

Maria ist Trägerin der Sendung Christi, ja sie trägt Christus selbst. Sie war die Einzige in der Welt, die die ersten neun Monate nach der Verkündigung davon wusste. Sie hilft uns wirklich, um an den schnitzenden Künstlermönch am Anfang zu erinnern, in das Antlitz des Herrn hineinzukommen, auf dass Christus durch uns sichtbar werde. Denn wer ihn sieht, der sieht den Vater. Und das allein genügt! Amen.

+ Joachim Kardinal Meisner
Erzbischof em. von Köln