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Archiv - Gebetstag in Köln, 23. Oktober 2010


Marienpforte, Marienstern und Marienthal

Predigt von S. E. Joachim Kardinal Meisner,
Erzbischof von Köln, beim Gottesdienst in der Kölnarena


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Liebe Schwestern, liebe Brüder!

1. Maria lädt uns ein zum Transitus

Wir kennen alle die Redewendung: „Wenn einer eine Reise tut, dann kann er was erleben“, darin spricht sich die Erfahrung vieler Leute aus, die ihrer Reise wieder heimgekehrt sind.

Unvergesslich bleibt mir ein Erlebnis auf einer meiner Japanreisen vor einigen Jahren. Dieses Erlebnis zog sich wie ein roter Faden durch alle acht Tage von Tokyo über Hiroshima, Nagoya, Osaka, Kyoto. Ich habe dort immer die Bischöfe gefragt: „Wie viel Prozent katholische Christen gibt es denn in Ihrem Bistum im Vergleich zur Gesamtbevölkerung?“. Ich hörte überall die Antwort: „Schon 0,4 Prozent“. Obwohl das Christentum schon 500 Jahre in Japan Fuß gefasst hat, ist das eigentlich ein sehr dürftiges Ergebnis. Und doch überall die Antwort: „Schon 0,4 Prozent“. Ich habe mir gedacht, wenn ein japanischer Bischof durch die Bistümer in Deutschland reist und die Bischöfe dort fragt: „Wie viele Katholiken gibt es denn in Ihrer Diözese im Hinblick zur Gesamtbevölkerung?“, ich bin überzeugt, er würde überall die Antwort hören: „Noch 40 Prozent, etwa im Erzbistum Köln“ oder „noch 4 Prozent im Bistum Magdeburg“. Ich meine aber, im Vergleich zu diesen beiden Beispielen: Auf die Prozentzahlen kommt es eigentlich gar nicht an, sondern sehr auf das kleine Wort, das vor der Prozentzahl steht, ob es dort heißt „schon“ oder „noch“. Das „schon 0,4 Prozent“ zeigt eine Kirche im Vormarsch, eine Kirche in der Hoffnung, eine Kirche in der Mission, eine marianische Kirche. Und eine Kirche mit noch 40 oder noch 4 Prozent zeigt eine Kirche im Rückzug oder in der Resignation und in der Angst.

Am Kreuz konnte Jesus sagen: Es sind bei mir schon drei: Maria, Johannes und Maria Magdalena. Weil Maria unter den Dreien dabei war, wurden aus den Dreien 500 vor Pfingsten im Abendmahlssaal in Jerusalem. Und weil auch dort Maria dabei war - sie waren nämlich versammelt mit Maria, der Mutter Jesu, wie es in der Apostelgeschichte heißt (vgl. Apg 1,14) -, kamen am Pfingstfest zu den 500 im Abendmahlssaal noch 2000 dazu. Und weil Maria in der Kirche immer dabeiblieb, wurden aus den wenigen bis heute 1,3 Milliarden katholische Christen. Sorgen wir dafür, dass Maria immer dabeibleibt in unserem Leben, in den Familien, Gemeinden und Gemeinschaften. Dann haben wir eine große Zukunft!

Maria bewegt uns zum Transitus, zum Übergang vom Noch zum Schon, von der Resignation in die Hoffnung, von der Angst in die Freude, vom Verlust in den Gewinn. Maria ist nicht nur eine Einladung zum Übergang vom Minus zum Plus, sie ist geradezu die Pforte, die Tür dazu. An der Saale bei Naumburg gab es ein berühmtes Zisterzienserkloster, das bis zur so genannten Reformation „Marienpforte“ hieß. Maria bringt gleich am Anfang des Neuen Testamentes Christus zu den Menschen in den Hirten von Bethlehem und in den Heiligen Drei Königen, und vom Kloster Marienpforte aus bringt sie im 14 Jahrhundert Christus nach Schlesien, Ungarn und Böhmen. Gott selbst hat diese Tür vom Himmel zur Erde, von seinem Herzen zu den Menschen aufgemacht, indem er Maria ohne jeden Makel der Sünde ins Dasein rief. Darum war und ist sie völlig für Gott zu den Menschen hin durchlässig. Maria kann deshalb den Menschen Christus entgegentragen - heute wie damals. Maria aber ist nicht unsere Lehrerin: „Nur einer ist euer Lehrer, Christus.“ (Mt 23,10), sagt das Evangelium. Maria ist unsere Mitschülerin, und zwar die Erste, die Erfahrenste, und das macht sie so sympathisch. Sie ist ganz in die Pläne und Absichten Gottes mit den Menschen eingeweiht. Sie weiß, wie Christus zu uns kommt und wie wir zu Christus kommen. Das ist so tröstlich für uns selbst!

Wie wenig Eltern manchmal ihre Kinder kennen, das wissen sicher viele aus den Erfahrungen mit den eigenen Eltern. Dass aber auch Maria ihr außergewöhnliches Kind nicht vollständig kannte, ist eigentlich nicht verwunderlich. Vergessen wir nicht: Er war ja nicht nur ihr Kind und sie nicht nur seine irdische Mutter, er war auch ihr Gott und sie sein Geschöpf, eben seine Schülerin.
So hörte sie im Tempel von Jerusalem die Lektion ihres Sohnes, nachdem sie ihn vorher mit Josef drei Tage vergeblich gesucht hatte: „Wusstet ihr nicht, dass ich in dem sein muss, was meinem Vater gehört?“ (Lk 2,49). Nicht Christus war von Maria weggegangen. Er war geblieben in dem, was seines Vaters ist. Aber Maria war mit Josef von Christus weggegangen – nicht bewusst! Sie glaubte ja, dass er bei der Pilgergruppe dabei sei. Gott wollte um unseretwillen, um der Menschen willen, dass Maria die Christusferne aus eigener Erfahrung kenne und spüre.

Als sie aber merkte, dass Christus bei der Heimreise nicht dabei war, ergriff sie tiefe Angst, und sie kehrte sofort um, um ihn drei Tage lang zu suchen. Gerade das macht mir persönlich Maria noch liebenswürdiger und noch sympathischer: dass sie mir eben auch eine Mitgenossin in der Christusferne ist und dass sie mir aber auch zeigt, wie man sofort von der Christusferne in die Christusnähe gelangt, vom Noch ins Schon, von der Resignation in die Hoffnung. Maria macht sich drei Tage lang auf die Suche. Das sind übrigens in der Heilsgeschichte die ersten Exerzitien in der Kirche: Sich aufzumachen, um drei Tage lang Christus zu suchen, bis man ihn gefunden hat. Dann hörte sie ihre Lektion, die sie nie mehr vergessen hat: „Wusstest du nicht, dass ich in dem sein muss, was meinem Vater gehört?“.

Maria war eine gelehrige Schülerin. Diese Lektion ist ihr immer im Bewusstsein geblieben. Sie wusste nun überall, dass er in dem ist, was dem Vater gehört: als er auf dem Ölberg Blut schwitzte. Dann wusste sie, dass er in dem ist, was des Vaters ist. Als Judas ihn küsste, wusste sie, dass er in dem ist, wo der Vater wohnt. Als er am Kreuz hängt und als er in Freude den Ostertag feiert, wusste Maria, dass er in dem ist, wo der Vater wohnt. Maria hatte den Übergang vollzogen: von der Angst in die Freude, von den noch 40 oder 4 Prozent in die schon 0,4 Prozent.
Wir sind alle eingeladen, der Bischof an erster Stelle, mit Maria in die Tempelschule Jesu zu gehen, Mitschülerin und Mitschüler mit ihr zu sein, um zusammen mit ihr nach den Weisungen des Herrn vom Noch ins Schon zu gehen.

Ich darf Sie darum alle jetzt persönlich fragen: Wo wohnen Sie? – In dem was dem Vater gehört? Das, was dem Vater gehört, ist das Schon und nicht das Noch: Das ist die Hoffnung und nicht die Resignation, das ist der Mut und nicht der Kleinglaube. Das wäre eine Frucht des heutigen Tages, dass jeder von uns ganz bewusst in dem ist, was des Vaters ist: im Schon, im Vormarsch, in der Hoffnung, in der Zuversicht, in der Freude.

2. Mit Maria unterwegs sein, ist der Lebensstil eines Christen

Die Kirche verehrt Maria unter vielen Bildern. Eines der ältesten ist Maria als Meeresstern, der Orientierung schenkt. Im Auf und Nieder theologischer Meinungen brauchen wir einen Orientierungspunkt, der über den Zeiten steht, der also immer gilt. Und das ist Maria! In allen Skandalen, Irritationen und Unterstellungen der vergangenen Monate brauchen wir einen Kompass, der uns unabhängig von den verschiedensten Tagesmeinungen und Vermutungen den Weg zeigt. Das ist Maria! Sie ist nicht Ziel des Weges, aber sie ist das große Zeichen über dem Weg, das die Richtung angibt. Ihre Orientierungsfunktion definiert der Engel des Herrn, indem er sagt: Sei gegrüßt Maria, du bist voll der Gnade, der Herr ist mit dir (vgl. Lk 1,28). Weil Maria ganz leer war vom eigenen Wollen, konnte sie nun ganz erfüllt werden vom Wollen Gottes. Sie wurde voll seines Willens: „Sei gegrüßt, du Begnadete, der Herr ist mir dir“, sagt der Engel. Das große Herzeleid Gottes mit uns besteht darin, dass er seine kostbaren Gaben uns vor die Tür trägt, aber wir sie vor der Tür unseres Lebens liegen lassen. Er wird sie einfach bei uns nicht los. Er kommt mit seinen Geschenken, und wir nehmen sie ihm nicht ab, weil bei uns und in uns alles anderweitig besetzt ist. Es verhält sich mit uns wie bei einer Bushaltestelle, an der die Fahrgäste warten, bis der Bus kommt. Der Bus aber fährt vorüber, weil er voll besetzt ist. Die Wartenden, die zurückbleiben, sagen resigniert zueinander: „Das ist bei dieser Buslinie immer so!“. Das ist die Tragik Gottes mit uns. Wir fahren an unserem wartenden Gott vorbei, weil bei uns alles besetzt ist von unseren Interessen, von unseren Ideen und von unseren Plänen. Wir haben keinen Raum. „Er kam in sein Eigentum, und die Seinen nahmen ihn nicht auf“ (Joh 1,11). Ein Gebot der Stunde heißt: Raum schaffen für die Fülle Gottes; Zeit haben für den ewigen Gott; in unseren Interessen Gott den ersten Platz, die Priorität einräumen, wie Maria. Sie ist die First Lady im Reiche Gottes, weil Christus bei ihr immer primär und nie sekundär war.

Immer wenn wir vor dem Altar zur Eucharistiefeier knien, dann steht Gott vor uns und träumt einen hartnäckigen Traum: „Ob es mir diesmal gelingt, mit meinem Wort, mit meinem Leib und Blut, mit meinem Herzen bei euch und in euch Raum zu gewinnen, damit ich mit euren Herzen schalten und walten kann, als ob es mein eigenes Herz wäre; damit ich mit euren Händen hantieren kann, als ob es meine eigenen Hände wären; damit ich mit euren Füßen zu den Menschen gehen kann, als ob es meine eigenen Füße wären?“ Bei Maria ist Ihm das gelungen. Sie war ganz leer von sich selbst, um ganz erfüllt zu werden von der Gnade Gottes: Du bist voll der Gnade (vgl. Lk 1,28). Sie war und ist ganz und gar verfügbar für alle Pläne Gottes. Darin ist sie für uns der Orientierungspunkt schlechthin.

Es gibt keine wesentlichere Übung im geistlichen Leben eines Jüngers Jesu als die Frage: „Herr, was willst du, das ich tun soll?“ – „Ich bin die Magd des Herrn“ (Lk 1,38), „Vater, dein Wille geschehe!“ (Lk 22,42). Der Wille Gottes und dessen Befolgung in der Existenz Mariens ist unser Orientierungspunkt. Deshalb verehren wir sie als den Meeresstern. Sie gibt uns den richtigen Kurs an, auch im Nebel und Sturm des Lebens.

In der Lausitz, im Osten Deutschlands, im Wohngebiet der katholischen Sorben, gibt es ein Zisterzienserinnenkloster, das ununterbrochen seit 750 Jahren existiert. Es trägt den Namen Marienstern. Mit diesem Namen erklären die Bewohnerinnen des Klosters Maria als die Verkörperung treuester Nachfolge Christi und als ihre eigene oberste Lebensnorm. Seit 500 Jahren leuchtet „Marienstern“ den wenigen katholisch gebliebenen Christen in dem überwiegend ungläubig gewordenen Land wie ein Wegweiser und ein Hoffnungszeichen. Auch unsere Häuser und Wohnungen sollten als Firmenschild die Bezeichnung „Marienstern“ tragen. Wir folgen mit Maria ihrem Sohn.

3. Das Magnifikat

Im Magnifikat belehrt uns Maria, dass Gott nicht auf die Berge schaut, sondern in die Täler blickt. „Auf die Niedrigkeit seiner Magd hat er geschaut“ (Lk 1,48). Je tiefer im Tal, desto deutlicher stehen wir vor den Augen Gottes neben Maria. Darum gibt es in der Kirche wohl nur eine legitime Kariere, nämlich die Kariere nach unten, wie bei Maria. Der Herr vertraut sein Wort Maria ganz unten an. Darum bekommt er aus diesem Mariental ein so lautstarkes Echo. Weil Maria so still ist, ist das Wort Gottes in ihrem Leben so laut. Sie ist nicht Wort, sie ist nur Laut, der sein Wort deutlich verlauten lässt. Sie ist Echo, und das Echo klingt umso deutlicher, je tiefer unten der Adressat des Wortes steht: Maria in Nazareth.

Direkt an der Ostgrenze Deutschlands, an der Neiße, dem Grenzfluss zwischen Deutschland und Polen, befindet sich ein weiteres Zisterzienserinnenkloster, das ebenfalls seit dem 14. Jahrhundert ununterbrochen existiert und den Namen Marienthal trägt. Die Schwestern waren den wenigen im 16. Jahrhundert katholisch gebliebenen Menschen eine Stärkung und ein Trost ganz unten in ihrer gesellschaftlichen Isolierung. Beim letzten Hochwasser im August dieses Jahres wurde das Kloster von den Wassern der Neiße mit Schlamm und Schmutz völlig überflutet wie noch nie in seiner 760-jährigen Geschichte. Es ist wirklich ein Haus Mariens im Tal geworden, aber nicht in einem idyllischen Tal, das in unserem Volksliedern besungen wird, sondern ganz unten in den Tälern von Schmutz, Schlamm und Sünde, die es in allen Völkern gibt.

Unsere arme Kirche ist in den letzten Monaten in ähnlicher Weise durch die verschiedenen Missbräuche gedemütigt und in den Schmutz getreten worden, wie ich es nie für möglich gehalten hätte. Wir sind zu einer Kirche ganz unten geworden und, zu meinem großen Trost, damit zu einer Kirche ganz neben Maria. Sie definiert sich ja selbst als die Frau in der Niedrigkeit: „Auf die Niedrigkeit seiner Magd hat er geschaut“. Darum konnte das Wort Gottes bei ihr ein so klares Echo und eine solche durchschlagende Antwort erfahren. Ich bin zutiefst davon überzeugt, dass auch unsere Kirche, die sich in ihrer Verdemütigung und Verachtung neben Maria nun ganz unten weiß, nun zum deutlichen Zeugnis und zum laut vernehmbaren Echo der Barmherzigkeit Gottes werden kann und soll. „Auf die Niedrigkeit seiner Magd hat er geschaut“ – Hier sind wir dabei, wie Maria! Vielleicht ist das auch die große Gnade dieser schmerzvollen Vorgänge, die wir in den letzten Monaten durchleiden mussten und müssen. „Wo die Sünde mächtig wurde, da ist die Gnade übergroß geworden“ (Röm 5,20), betont Paulus.

Mit Maria – voll der Gnade und ohne Sünde – wird aus dem Minus ein Plus, aus dem Verlust Gewinn, aus der Erniedrigung Erhöhung, aus Verzweiflung Freude. Ich bin überzeugt: Wir werden aus diesem Fegefeuer gestärkter und missionarischer herausgehen, als wir hineingeraten sind. Elisabeth sagte zu Maria: „Selig ist die, die geglaubt hat“ (Lk 1,45). Und wir sind wirklich selig, wenn wir das glauben – wie Maria!

Gott ist Mensch geworden in Jesus Christus durch den Heiligen Geist aus Maria, der Jungfrau. Seitdem ist Maria für uns die Marienpforte, die uns mit Christus in Berührung bring; seitdem ist sie für uns der Marienstern, der uns Orientierung und Wegweisung ist; seitdem ist sie für uns das Marienthal, das auch die Tiefen des Lebens am Herzen Gottes festmacht. Der Zisterzienserorden ist bis heute ein Marienorden. Ein katholischer Christ ist nach dem Evangelium ein Marienmensch. Darum gilt jedem einzelnen von uns das Wort des Engels an Maria: „Der Herr ist mit dir… Du hast bei Gott Gnade gefunden“ (Lk 1,28 u. 30). Und darum ist unser Berufslied nicht ,das Miserere’, sondern das ‚Freut euch des Lebens’. Amen.

+ Joachim Kardinal Meisner
Erzbischof von Köln

 
 
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